Der Stadtrat und die Waage der Baleks

Leserbrief vom 3. November 2013

Den Stimmberechtigten, die in der Lohnfrage noch unschlüssig sind, sei eine Erzählung von Heinrich Böll zur Entscheidungsfindung empfohlen: „Die Waage der Baleks“, Pflichtlektüre zu Schulzeiten. Es geht in dieser Kurzgeschichte um eine mächtige Adelsfamilie, die ihre Waage zuungunsten der Dorfbevölkerung geeicht hat.

Die von den Baleks benachteiligten, wirtschaftlich abhängigen Flachsbrecher stehen stellvertretend für den Arbeiter im Strassengraben oder für die Hilfspflegerin im Alterszentrum Park. Diese Stadtangestellten waren von der Besoldungsrevision im Jahr 2007 härter betroffen als Amtschefs und Kaderangehörige, die auf die Fürsprache ihrer politischen Chefs zählen konnten.

Am besten lief es für den Stadtrat, dem der damals neu gewählte Gemeinderat eine Pensenerhöhung um 25 Prozent zugestand. Ich möchte der Classe Politique von Frauenfeld keinesfalls betrügerische Absichten unterstellen. Im Gegensatz zur Familie Balek können sich die Behörden auf die Gemeindeordnung berufen: Alles im Rahmen der Stadtverfassung, was die GPK unter Präsident Matthias Hotz damals wie heute vorgeschlagen hat!

Doch Politstrategen neigen dazu, für ihre Zwecke eine Wahrheit zurechtzurücken, die Ihresgleichen dient. Wer die Stadt Frauenfeld und ihre Verwaltung kennt, wird niemals glauben, dass der heutige Stadtrat so viel mehr leistet als die Stadtregierung während der erfolgreichen Ära Bachofner. Die Stellungnahme des Gemeinderates gegen die Initiative auf Seite 13 der Abstimmungsbotschaft ist durchschaubar: „Extrem und unfair“ war die als „Pensenanpassung“ getarnte Lohnerhöhung!

Die Initiative deckt überrissen hohe Saläre auf, welche Stadtrat und Gemeinderat der Bevölkerung jahrelang verschwiegen haben. Wir aber wollen angemessene und ausgewogene Stadtratslöhne. Der Gegenvorschlag nimmt die schweizerischen Vergleichszahlen zu wenig ernst. Deshalb müssen wir das  „Lohngeschenk“ aus dem Jahr 2007 rückgängig machen und gleichzeitig das Salär des Stadtammanns auf 200‘000 Franken begrenzen.

Abwägend noch dies, wenn die Verteidiger der Stadtratslöhne von „Werten statt Willkür“ sprechen: Voranschlag und Finanzplan prognostizieren Engpässe in der Stadtrechnung der kommenden Jahre. Es liegt an den Stimmberechtigten, am 24. November ein Zeichen zu setzen.

Fredi Marty, Gemeinderat Mpro